Wahrscheinlich sprechen auch Sie den Tag über öfter mal mit sich selbst?! Immer wieder rate ich Kund*innen das doch mal aufzuzeichnen, was sie den Tag über so zu sich sagen. Und in der Regel überwiegt die Kritik, nach dem Motto: „du bist wohl zu blöd, um…“ oder „Wie konntest du nur…“ oder „das schaffst du nie!“ Ab und an wirft der eine oder die andere gottseidank auch mal ein: „das hast du gut gemacht“ in die Waagschale. Spannend ist es diese Liste der Zitate aus den Selbstgesprächen laut vorzulesen oder sich vorlesen zu lassen. Wer spricht da eigentlich?  Bin ich das oder welcher Teil von mir, z.B. die übernommene mahnende Stimme eines Elternteils?

Immer wieder begegnet mir die Sorge, innere Stimmen zu hören könnte Zeichen einer psychischen Erkrankung sein, so dass mir ein Kunde auf meine Frage, was denn seine innere Stimme ihm sagt, vehement entgegnete: „Ich hör da nichts! Ich bin ja nicht verrückt!“ Also wann ist fachärztliche Abklärung dringend nötig? Dann wenn nicht ich mit mir selbst spreche, sondern fremde Stimmen mir Befehle erteilen oder Handlungen kommentieren und ich mich dagegen nicht wehren kann. Wenn also meine Fähigkeiten zur Selbststeuerung ausgeschaltet sind. Dann bitte schnellstmöglich!

In diesem Blog soll es hingegen vor allem um Unterstützung zu Selbstorganisation und Selbstmanagement gehen. Und hier möchte ich explizit Michael Bohne danken, bei dem ich im Rahmen der Ausbildung in Prozess- und Embodimentfokussierter Psychologie, viel über die Kraft des Laut-Aussprechens lernen und an mir selbst erproben konnte.

Das Bewusstwerden

Beobachten Sie Kinder beim Spielen, dann werden Sie hören, wie viele verschiedene Stimmen jedes einzelne dabei nutzt: z.B. die mütterlich ermahnende, die fürsorgliche, die babyhafte, die schimpfende… Irgendwann in unserer Entwicklung haben wir diese damals laut ausgesprochenen, nachgeahmten und die aus unserem Umfeld kommenden Stimmen nach innen genommen. Viele davon sind uns nicht mehr bewusst, obwohl sie weiterhin Einfluss auf uns ausüben.

Immer wieder mal bin ich arg unbeholfen. Wenn ich mir dann aber klar mache, dass da immer noch die Stimme meiner Mutter „Was bist du nur für ein ungeschickter Schussel!“ wirkt, schicke ich diese Stimme in die Vergangenheit und versuche es – zumeist erfolgreich – einfach nochmal.

Die Ich-Zustände

Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre beschreibt Eric Berne, ein amerikanischer Psychiater und Mitbegründer der Transaktionsanalyse, dass jeder Mensch aus drei Ich-Zuständen (Ego-states) heraus handelt: dem Kind-Ich (K), dem Eltern-Ich (EL) und dem Erwachsenen-Ich (ER). Dies bedeutet, dass der jeweils in den Vordergrund tretende Ich-Zustand beeinflusst, wie jemand eine Situation erlebt, wie er oder sie in ihr denkt, kommuniziert und handelt. Um 1980 herum entwickeln dann die Psychologen John und Helen Watkins für traumatisierte Menschen die ego state therapy. Hier geht es darum abgespaltene Persönlichkeitsanteile bewusst zu machen, zu transformieren und wieder zu integrieren.

Je mehr ich meiner Ich-Zustände bewusst bin, umso mehr bin ich in der Lage mich selbst zu steuern. Und dazu braucht es erst mal keine Therapie.

Das Innere Team

Wie so oft finden dann Konzepte aus der Psychotherapie Eingang in die berufliche Erwachsenenbildung. Am anschaulichsten und im deutschsprachigen Raum sicher am weitesten verbreitet, ist das, als „inneres Team“ bekannte, Persönlichkeitsmodell des Hamburger Psychologen Friedemann Schulz von Thun. Ausführlich beschrieben im 1998 zum ersten Mal erschienen Buch: Miteinander Reden – Das „innere Team“ und situationsgerechte Kommunikation.

Wie mache ich jetzt aber diese Dialoge meiner inneren Teammitglieder für mich hilfreich?

Wie vorgehen?

  1. Innere Stimmen bewusst machen und aufschreiben
  2. Innere Stimmen laut aussprechen und spüren, welche Folgen, das bei mir auslöst. Evtl. auch eine Person des Vertrauens bitten, mir diese Stimmen vorzusprechen.
  3. Entscheiden, welche ich beibehalten und welche ich verändern möchte
  4. Auf die Suche nach kraftspendenden inneren Stimmen und inneren Sätzen gehen, ggfs. mit Unterstützung durch eine*n Coach. Dabei auf innere Reaktionen achten, nur was sich richtig gut anfühlt, wird wirken. Von außen ist das meist daran zu erkennen, dass die Spannung im Körper nachlässt.
  5. Die neu gefundenen Stimmen/Sätze und ihre Botschaften über mehrere Wochen hin täglich mind. 2x laut aussprechen, vielleicht vor dem Spiegel. Dabei können sich diese auch noch leicht verändern.

Das Fazit

Lautes Aussprechen hilft sich bewusst zu werden, was man zu sich selbst den Tag über so alles sagt und ob das eher Energie spendend oder Energie abziehend ist. Denn nur wenn ich mir dieser Selbstgespräche bewusst bin, kann ich auch bewusst dagegen steuern und mehr Selbstwert stärkendes in meine Kommunikation mit mir selbst einbringen. Und wenn ich über mehrere Wochen einen für mich Kraft spendenden Satz laut ausgesprochen habe, dann ist sein Inhalt für mich irgendwann ganz selbstverständlich

Wann fangen Sie damit an, wenn nicht gleich heute?

„Laut aussprechen hilft!“ natürlich auch in der Kommunikation mit anderen. Dazu mehr in meinem nächsten Blog-Artikel.

Viel Erfolg bei der Umsetzung
Mit besten Grüßen
Ihre Harriet Kretschmar


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